Wenn Herz und Hirn schlagen und alles durcheinander gerät

Es ist Mitte September, wenige Tage vor dem Seelandtriathlon. Einmal mehr jogge ich durchs Moos, an Gemüsegärten vorbei, durch den lichten Le-Chablais-zum  Murtensee-Ufer. Etappen der Laufstrecke des Seelandtriathlons. Vertraute Bewegungen in einer mir heimisch gewordenen Umgebung. Mein Leben ist schön. Gleichsam aus dem Nichts heraus passiert es: ich habe einen Hirnschlag.

Die Tage danach versuche ich regelmässig, mich an mein Laufen zu erinnern und mögliche Körperwarnsignale zu rekonstruieren. Fällt schwer, denn ich schien äusserst gedankenversunken gewesen zu sein.
Ich dachte daran, mich trotz bevorstehendem Kälteeinbruch für den Seelandtriathlon anzumelden. Mitteldistanz. Manu schenkte mir zwei Tage zuvor ihren Startplatz und darüber hinaus in ihrer unkomplizierten Art eine tolle Prise Ermutigung. Sie werde uns als Zuschauerin anfeuern kommen. Uns? Ach cool - Chantal, Susanne und Carmen werden ebenfalls starten! Wow -  ich freue mich auf meine Teamkolleginnen, noch unwissend, dass ich ebenso Karin mit Klein-Yannic und Mélanie in ihrer Schiri-Rolle antreffen werde.
Wenn ich mich zurückerinnere, fällt mir eigentlich nichts Spezielles auf. Ich laufe „normal“ an einem Tag mit unspektakulären Verhältnissen. Einzig zwischendurch nehme ich leichte Verkrampfungen im rechten Arm wahr. „Es bewährt sich eben doch nicht, mit einer kleinen Trinkflasche in der Hand zu laufen“, sage ich zu mir. „Gute mentale Übung, das Kribbeln wegzustecken und heimwärts zu sprinten.“


Erst unter der Dusche kann ich die Lähmungssymptome treffender einordnen. Mich einschäumend finde ich es angebracht, mein klotziges Zungen-Gefühl auszutesten und mir frisch-fröhlich ein „Hallo Kathrin!“ zu sagen. Nichts. Kein Wort, das da rauskäme.


Erster Geistesblitz: „Uff, zum Glück kann ich mich bewegen und denken!“ Der nachhinkende Gedanke: „Scheisse, ich kann nicht mehr reden.“
Lachen oder weinen? Bin mit meinem Gefühlswirrwarr überfordert.
Dank unmittelbarem und sorgfältigem Reagieren meines Umfeldes und den medizinischen Fachpersonen im Inselspital erhole ich mich überraschend schnell. Aus einer umfassenden Sprechunfähigkeit heraus kann ich allmählich lallen und einen halben Tag später kriege ich die Rückmeldung, wie eh und je zu klingen. Ich bin völlig euphorisch. Kleine Episode mit vier Spitaltagen und alles ist wieder wie früher. Oder doch nicht?


Mändu, mein Partner meint, ‚er‘ würde den Triathlon nun erst recht machen wollen. Um seine Grenzen zu spüren. Ein Arzt der Abteilung verordnet mir demgegenüber eine Bewegungssperre von mindestens einem Monat. Und ich?
Was kann ich, will ich, soll ich? Ich bin verunsichert und orientierungslos. Glücklicherweise erhalte ich von der Abteilung präventive Kardiologie und Sportmedizin die Möglichkeit, am „Neurofit“-Programm dabei zu sein.
Der Auftakt ist nicht wie erwartet ein Indikationsgespräch, sondern ein sportmedizinischer Leistungstest. Mich freut es, weil ich mich - umrahmt von drei Assistenzärzten - auszupowern wage. Nach vier Tagen Bettruhe mit angeordnetem flachem Liegen und innerlich aufgewühlt wird mir bewusst, wie sehr mir diese knallige Bewegungsmöglichkeit gefehlt hat. Ich bevorzuge exakt das Umgekehrte. Aussen aktiv, innen friedlich…


Ich komme nahezu high aus der Leistungstestung zurück. Die Rückmeldung ist für mich eine wahre Frohbotschaft: Ich darf in die Intensiv-Trainingsgruppe des Neurofits einsteigen und werde mit drei Sport-Nachmittagen pro Woche verwöhnt. Juheee!


Das hinzukommende Wettkampfverbot nehme ich ruhig entgegen. Ich lasse mich dennoch von Mändu ermuntern, am Seelandtriathlon als Zuschauende dabei zu sein, um meine Team-Frauen zu sehen. Wenn mir ‚meine Wirklichkeit‘ zu heftig in die Quere komme, dürfe ich meinen Tränen freien Lauf lassen, er sei da. Trotz Skepsis bereue ich es nicht, seine Anregung aufgenommen zu haben. Meine Traurigkeit ist verschwindend klein im Vergleich zu meiner Freude.


Ach, so tolle und unvergleichliche Frauen, die unser X-BIONIC LADIES TRI Team ausmachen: Susanne mit ihrem aufrichtigen Strahlen, das selbst auf ihrer zweiten Laufrunde noch mein Herz mitlachen lässt…Chantal, die dermassen edel aus dem wilden Murtensee steigt, dass einer der Helfer sichtbar verlegen sein übliches Hauruck-Gezerre vergisst und unsere Chanti  am liebsten mit einem Handkuss verführt hätte… Carmen, die es sogar im Wettkampf-Getöse schafft, rhythmisch weiter zu plaudern… Karin und Manu, die sich nicht fürsorglicher nach meinem Wohlergehen hätten erkundigen können… und Mélanie, die bescheiden eine Team-Aufgabe abdeckt und selber seit Monaten arg eingeschränkt ist punkto Sport.


Inzwischen stecke ich mitten in erwähntem Neurofit. Und wisst ihr was, liebe Ladies? Ich bin in einem reinen, knackig-jungen Männer-Team gelandet. Witzig. Und spannend, da alle ebenfalls sportbegeistert (Bouldern, MTB, Segeln, etc.) sind.


Auf einen könnte ich jedoch gerne verzichten. G. Borg. Kennt ihr ihn? Skala 6-20… kleine Anstrengung bis sehr, sehr schwer empfundene Belastung?
Im Neurofit (Ergoline, MTT, etc.) geht es u.a. um ein individualisiertes Erweitern von vorhandenen Ressourcen. Die ersten vier Wochen wird moderat trainiert. Will heissen: Die empfundene körperliche Anstrengung muss sich leicht anfühlen. Herz-Kreislauf soll noch geschont bleiben. Borg würde motzen, wenn ich strenger pedale als empfundene 13Punkte. Wir werden folglich in den Trainings von der Physiotherapeutin nicht nur puls- und blutdruck-technisch überwacht, auch Herr Borg ist omnipräsent.
Ich schenke Borg stets eine 10.


Ich brauche mehr als zwei Wochen, um zu checken, dass ich flunkere. Ich drücke die Punktzahl nach unten, in der Hoffnung, von der Physiotherapeutin und den Sportmedizinern mit mehr Watt gefüttert zu werden. Ich will wieder dorthin, wo ich vor dem Hirnschlag gestanden bin. Zudem will ich mit deftigen Empfindungen meine innere Verunsicherung und etwaig auftauchende, unvertraute Körpersignale abmurksen. Ich halte es fast nicht aus, mich nicht mehr als „ein Herz und eine Seele“ mit meinem Körper zu fühlen. 
Mich draussen in der Natur kraftvoll zu bewegen, ist für mich Sport. So fühle ich mich mit meinem Körper verbunden. Vertrauen und Verlässlichkeit entstehen. Da kann vieles im Leben schief laufen, in meinem Körper bin ich gut aufgehoben.  Mit besonderen sportlichen Herausforderungen und Zielen suche ich Grenzerfahrungen, durch die ich mich stets besser kennenlerne. Diese Selbstwirksamkeit stärkt mich immens. Dass mein Herz für Triathlon schlägt, hat vor allem mit diesen Erfahrungen und Emotionen zu tun.
Nun steht für mich eine andere Form von herausfordernder Grenzerfahrung an. Die Spontanremission meiner verlorenen Sprache ist natürlich wunderbar. Ich bin extrem dankbar, wieder reden zu können. Gleichzeitig spüre ich mehr denn je, dass ich die sprachliche Verständigung mit meinem Körper wie „neu“ entdecken muss und will. Je vertrauensvoller ich wieder in meinem Körper lebe, desto näher komme ich mir, meiner Integrität.


Ich finde es genial, dass ich gerade in dieser Situation in einem so „bunt-gemischten“ Frauenteam bin. In einem Team, in dem nicht einzig Leistungen, sondern besonders Erfahrungen und Stimmungen Platz haben. Jede Kollegin ist einzigartig, hat ihr eigenes „Päckli“ und ich glaube, für alle sind Sport und Natur ein grandioses Lebenselixier.


Ich freue mich wie stets sehr auf unsere nächsten Begegnungen, Trainingstage… und auf meine Première, an einem Trainingslager dabei zu sein. Und erst noch eines, das von Alexandra, unserem Teamcoach geleitet wird!
Dank Athos, unserem Ferienhund und Therapeutikum habe ich zudem meine Trainingskleider von X-Bionic und on herrlich nutzen können;-) Speedwandern war angesagt - merci Ursi für deine Wortschöpfung;-). Ich hoffe, wir werden im 2017 erneut von unseren Sponsoren unterstützt werden.

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Kommentare: 4
  • #1

    Nicole (Samstag, 22 Oktober 2016 09:49)

    Liebe Kathrin, auch nach dem zweiten Berichtlesen stellt's mir die Häärchen auf. Ich denke fest an dich und schicke dir eine Extraportion Energie! Du bist auf gutem Weg :-), gut betreut von deinem Liebsten und natürlich dem jungen-knackigen-Herrenteam *zwinker*. Wir sehen uns. Heb dir fest Sorg! Herzlich, Nicole

  • #2

    Ursi (Samstag, 22 Oktober 2016 19:56)

    Liebe Kathrin, ich wünsche dir weiterhin gute Besserung. Deine Zeilen sagen mir einmal mehr, dass wir das Hier und Jetzt geniessen müssen und die Dinge nicht auf später verschieben sollen. Man weiss nie was kommt. Eine liebe Umarmung aus dem Züri Oberland und bis hoffentlich an der GV im November Ursi

  • #3

    Manu (Montag, 24 Oktober 2016 17:45)

    Liebe Kathrin, danke für diesen Bericht. Wir waren alle geschockt und sind froh, dass es dir so schnell wieder besser geht! Weiterhin gute Besserung und heb sorg zo dir!! Zudem kann man in richtig gut rauslesen, was unser Team ausmacht - unseren Spirit!! Auch ich hoffe, dass unsere Sponsoren uns weiterhin Unterstützen ganz liebi Grüessli ond bes gli
    Manu

  • #4

    Alex (Freitag, 18 November 2016 14:43)

    Liebe Kathrin, dein Bericht hat mich sehr berührt. Ich habe ihn erst heute gelesen, nachdem ich deine Geschichte bereits kannte. Ich bin unendlich froh, dass du auf dem Weg der Besserung bist und ich wünsche dir für deine weitere Zukunft alles alles Gute. Bis bald, herzlichst Alex