Mein erster Ultramarathon in Zermatt

Eigentlich hätte ich seit April jede freie Minute an meiner abschliessenden Diplomarbeit für meine Weiterbildung zur Betriebswirtschafterin schreiben sollen. Doch erstens kommt es anders und zweitens als man denkt. Dieser Satz passt auch zu meinem ersten Ultramarathon in Zermatt.

Als Ende März klar wurde, dass ich meinen bisherigen Arbeitgeber, die HSO Wirtschaftsschule nach 11 Jahren Ende Juni verlassen werde, um mich ab August einer neuen beruflichen Herausforderung zu stellen, entschied ich mich, die abschliessende Diplomarbeit zu verschieben. Stattdessen meldete ich mich für meinen ersten Ultramarathon in Zermatt an. Dieser Lauf war schon lange ein Traum. Doch leider fand der Zermatt Marathon immer am gleichen Datum wie unsere Diplomfeier statt, an welcher ich Jobmässig teilnehmen musste.
Zwei Tage vor dem Ultramarathon hatte ich also nach 11 „HSO – Jahren“ meinen letzten Arbeitstag. Ein sehr komisches und äusserst emotionales Gefühl. Ich wusste bis zuletzt nicht, ob sich diese Emotionen in positiver oder negativer Energien am Wettkampf zeigen würden. Also setzte ich mich im Vorfeld mit beiden Optionen auseinander.
Am Freitagnachmittag reiste ich zusammen mit meinem Freund Rolä, nach Zermatt. Wir hatten dort ein Hotel gebucht und trafen meine beste Freundin Prislä und Tom ein guter Freund zum Nachtessen. Sie waren bereits kurz nach dem Mittag angereist und hatten alle Startunterlagen abgeholt. Wir fanden ein herziges Restaurant im Herzen von Zermatt und genossen die Ruhe vor dem Sturm. In Ruhe besprachen wir auch die letzten Details. Mein Freund kam als Supporter mit, um uns entlang der Strecke zu unterstützen. Nach einem gemütlichen Spaziergang durch das wunderschöne Zermatt und einem letzten „Schlummi“ ging es zurück ins Hotel und ab ins Bett.
Am nächsten Morgen klingelte der Wecker um 05.40 und der erste Blick aufs Matterhorn zeigte, das Wetter war nicht bombastisch, aber es war trocken und schien auch so zu bleiben. Unser Freund Tom hatte leider andere Sorgen, als er am Morgen aufstand. Sein Ellenbogen war dick geschwollen und heiss. Die Eiswürfel vom Frühstücksbuffet brachten nur wenig Linderung. Ein kurzer Besuch auf dem Samariterposten führte zum Entscheid, einen Start zu versuchen und nötigenfalls auszusteigen. Ziemlich sicher sei der Schleimbeutel entzündet.
Ja und jetzt standen wir zu dritt mit vielen anderen Läufer an der Startlinie vom bekannten Zermatt Marathon/Ultramarathon. Mein Freund wünschte uns noch einmal ganz viel Glück, packte die letzten Jacken, Armlinge und Utensilien in seinen Rucksack und gab mir einen letzten Kuss. Um 08.35 Uhr dann der Startschuss und los geht es auf die 45.595 km lange Strecke mit rund 2'500 Höhenmeter. Von jetzt an lief jeder sein Rennen.
Ich ging die ersten 25 km bis nach Zermatt eher ruhig an, ich wollte genügend Körner für den langen Aufstieg bereit haben. Mit meinen schnellen Schritten den Berg hoch, so wusste ich, werde ich einige Läufer welche langsam joggen einholen. Schnelles Marschieren am Berg, ist schliesslich eine meiner grossen Stärken. Dies wusste ich aus vergangen Wettkämpfen wie dem Inferno Triathlon oder dem Swissman. Die ersten 21 km von St. Niklaus bis nach Zermatt waren sehr angenehm zum Laufen. Wir absolvierten zwar bereits gut 550 Höhenmeter, aber diese Steigungen waren grösstenteils gut zu laufen. Auch das Wetter war ideal. Es hatte einige Wolken aber die Sonne zeigte sich immer wieder und es blieb trocken. Kurz vor Randa hörte ich, wie von hinten die Bahn „Zermatt Express“ kommt. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, in diesem Zug sollte eigentlich mein Freund sitzen, also beeilte ich mich möglichst zügig nahe an die Bahnlinie zu laufen. Und schon kam der Zug und ich winkte glücklich meinem Freund entgegen, welcher mich ebenfalls sofort erkannte und zurückwinkte. Nach einem kurzen Verpflegungs- Stopp geht’s gleich weiter nach Zermatt. In Zermatt erlebten wir eine hervorragende Stimmung. Es waren sehr viel Zuschauer an der Strecke, sodass wir nur eine kleine Gasse zum Laufen zur Verfügung hatten. Nach Zermatt mussten wir noch eine kleine Schlaufe laufen. Vor der Schlaufe bekam ich neue Gels von meinem Freund und weiter gehts. Als ich auf dem Rückweg von der Schlaufe nach Zermatt war, kreuzte ich Tom welcher mir zurief, dass er in Zermatt aufhören werde. Schade dachte ich, aber ist wohl die beste Entscheidung.
…. soooo … von nun an geht es den Berg hoch und hoch. Ich versuchte, wo es möglich war zu joggen und in den Steilen Passagen marschierte ich zügig vorwärts. Hier waren rund 2/3 der Athleten bereits am Marschieren. Schon bald erkannte ich von weitem meine beste Freundin Prislä und ich legte einen Zahn zu, um zu ihr aufzuschliessen. Leider ging es ihr gar nicht gut. Sie hat mit starken Rückenschmerzen zu kämpfen und so liefen wir gemeinsam weiter. Die Schmerzen wurden nicht besser und sie dachte mehrmals „wie soll ich das nur schaffen?“ Ich versuchte sie zu motivieren und entschied mich ziemlich schnell, bei ihr zu bleiben und alles daran zu setzten, dass wir das Ziel auf dem Gornergrat gemeinsam erreichen konnten. Von da an marschierten wir gemeinsam weiter.
Vom Verpflegungsposten Sunnega führte die Strecke fast 6 km herunter. Hier sollten wir es eigentlich einfach „laufen“ lassen. Das herunterlaufen war für meine Freundin aber die härteste Hürde an diesem Tag und auch hier kämpfe sie sich tapfer weiter. Auf der Riffelalp angekommen, wurden wir vom meinem Freund in Empfang genommen. Wir machten einen längeren Halt bei ihm und er sprach Prislä gut zu, weiter zu machen. Ich packte also schnell die Gels für uns beide ein und schnappte die Flasche mit dem bereits vorgängig geschüttelten Cola und weiter geht’s …… Es folgten steilere Aufstiege – eine Erleichterung für Prislä! Wir fanden einen guten Tritt. Wenn es hoch ging marschierten wir und in flachen Passagen trabten wir vorwärts. Und schon waren wir auf der letzten steilen Rampe zum Riffelberg hoch und sahen schon fast das Marathonziel. Ein LCA Laufkollege von Prislä begleitet uns ein kurzes Stück mit der Kamera und motivierte sie ebenfalls mit den Worten: „immer schön dranä blibä“ …in regelmässigen Abständen tranken wir einen Schluck Cola. Ich versuchte, uns in regelmässigen Schritten diese langgezogene Steigung hochzuziehen. Dann noch einige kleine aber steile Kurven Aufstieg bis zum Abzweiger Marathon oder Ultramarathon, wo wir von meinen Freund bereits wieder erwartet wurden. Er rüstet uns mit Jacken und Ärmlingen aus und schickte uns auf die letzten drei Kilometer. „Wir sehen uns im Ziel auf dem Gornergrat“ sagte er zu uns und schnell noch ein Küsschen - weiter geht’s.
Dieses steile Stück kam Prislä sehr entgegen. Der Rücken schmerze etwas weniger in den steilen Aufstiegen. So zogen wir das Tempo etwas an.
Jede von uns war still in ihren Gedanken versunken und wir malten uns in Gedanken den ersten gemeinsamen Zieleinlauf aus. Dies in der Hoffnung, bald das Ziel zu sehen. Gut eine Stunde waren wir im steilen Schlussaufstieg unterwegs bis es endlich durch den Schneekanal dem Ziel entgegen ging. Dann der letzte ganz steile Hang hoch … über die Treppen der Gornergratbahn … dem Ziel entgegen. Ich schaute, wo mein Freund wohl steht und wo denn nun der Zielbogen ist? Und da war er endlich vor uns …. der lange ersehnte Zielbogen des Gornergrat Zermatt Ultramarathons … Yes wir haben es geschafft!! Hand in Hand haben wir nach 6 Stunden gemeinsam die Ziellinie überquert. Ich habe noch beim schreiben dieser Zeilen Tränen in den Augen. Diesen Augenblick werden wir zwei ein Leben lang nicht vergessen.
Wir waren froh und erleichtert es geschafft zu haben, das Ziel auf dem Gornergrat auf 3‘089 Meter über Meer zu erreichen. Dankbar liessen wir uns von den fleissigen Marathonhelfer in die wohlige Wärmefolie wickeln. Die Organisation dieses Anlasses war übrigens absolut Perfekt.
Nach einer kurzen Erholungszeit und einigen Fotos von der tollen Aussicht vom Gornergrat machten wir uns auf den Rückweg zum Hotel. Auf dem Riffelberg machten wir noch einen Zwischenstopp an der Siegerehrung des Marathons.
Im Hotel wartet unser Freund Tom auf uns. Ein Arztbesuch in Zermatt bestätigte die Diagnose des Samariterpostens, der Schleimbeutel war entzündet. So ein Pech, den Tom konnte bereits im Vorjahr aufgrund einer Verletzung am Zermatt Ultramarathon nicht an den Start gehen. Aber aller guten Dinge sind drei! Ich werde definitiv auch wiederkommen!! Der Zermatt Ultra Marathon 2016 war ein riesiges Erlebnis!
Als letztes bedanke ich mich ganz herzlich bei meiner bester Freundin Prislä für die wunderbare Freundschaft und die vielen gemeinsamen Erlebnisse, bei meinem Freund Rolä für den grossartigen Support welchen wir am diesjährigen Zermatt Ultramarathon geniessen durften, beim X-Bionic Ladies Triteam für’s mitfiebern und die herzliche Unterstützung während des ganzen Jahres (bin sooooo happy, dass ich einen Teil von diesem aussergewöhnlichen, super tollen und freundschaftlichen Team sein darf! MERCI!!) und den tollen Sponsoren X-Bionic, Laufschuh ON und Sponsor Food.

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Kommentare: 1
  • #1

    Kathrin (Donnerstag, 07 Juli 2016 17:35)

    Gratuliiieere Dir und Deiner Prislä und Tom, der gewiss ebenso viel trainiert hat. „..immer schön dranä blibä“
    Puuh, es "chramselet" deftig, wenn ich mir vorstelle, wie ihr ins Ziel einläuft. Gute Erholung und jenen, die es besonders benötigen auch gute Besserung. Ich werde mir einmal mehr bewusst, wie glücklich ich über meine Gesundheit sein darf.