Harmony Genève Marathon

Vor zwei Monaten entscheide ich mich, einen Marathon zu laufen. Zurzeit liebe ich diese Disziplin mehr denn je und ich will herausfinden, wo ich stehe. Mehr noch: Ich suche die Bestätigung, dass ich als Läuferin echt stark unterwegs bin.

Der Harmony Genève Marathon am 8. Mai spricht mich emotional besonders an, da mit der Anmeldung das Kinderhilfswerk Unicef unterstützt wird und weil exakt an diesem Tag mein im Januar verstorbener Vater 85jährig geworden wäre. Er hat in jungen Jahren in Genf gelebt.

Der Streckenverlauf ist attraktiv. Start und Ziel liegen nicht zusammen und es geht insgesamt gar etwa 100HM abwärts. Immer wieder durchläuft man kleine Gemeinden, deren Einwohner voll präsent sind und den Anlass mit freudiger Aufmerksamkeit unterstützen. Zwei Drittel des Marathons durchziehen weite Landwirtschaftszonen. Mit den Schlusskilometern, die entlang des Seeufers führen, werde ich besonders verwöhnt. Die letzten Meter führen über die bekannte Mont-Blanc-Brücke in den Jardin d’Anglais. Blick auf die Wasser-Fontaine im See… schlicht herrlich. Damit lässt sich mental prima den Zieleinlauf visualisieren. Jeder Kilometer ist angegeben, was strategisch hilfreich ist.
Quand-même: Zwei Schwachpunkte hat die Strecke in sich und zwar wegen des Terrains (100% Asphalt) und wegen dem Fehlen jeglicher Waldteilstücke.

Ich empfehle diesen Marathon von Herzen! Wow – ich habe nachträglich den Ultra-Fragebogen von A-Z ausgefüllt, weil ich echt Fan bin von der Veranstaltung und mich in dieser Form bedanken will.
Ein noch nahezu familiärer Sportanlass. Total international. Der Marathon ist bloss ein Angebot unter weiteren. Nebst dem caritativen Gedanken in Bezug auf Kinder sind viele ökologische Aspekte mitberücksichtigt. Die Organisation ist makellos und nichts desto trotz mit viel Gemüt.

9.45 Uhr. Blockstart. Ich habe mich für eine Richtzeit von 3:30 angemeldet. Um meinen Lauf ruhig in meinem Schrittmass angehen zu können. In meinen Träumen wünsche ich mir eine Zeit unter 3:20 zu erlaufen.
Über meine Vorbereitungen bin ich stolz. Ich bin gesund, erholt und stehe mit einem guten Mix aus Konzentration und innerer Gelassenheit am Start. Nach einer kargen Woche mit Bewegungs-Diät freue ich mich immens, nun endlich loslaufen zu dürfen. Und dies erst noch bei stahlblauem Himmel und sommerlichen Temperaturen. Ich habe diese Saison zum ersten Mal Sonnencrème auftragen dürfen. Hollladiioooo

Es fühlt sich wunderbar an und ich geniesse diesen anfänglichen, dribbelnden  Geräuschrhythmus von -zig Laufschuhen auf der Strasse. Meine Laufschuhe hätte ich in den letzten Wochen regelmässiger wechseln sollen, weil mein Knie ein wenig anzeigt.
Seit ich jedoch meinen ON-cloudcruiser zum ersten Mal ausführen durfte, bin ich absolut hin. Ein Wechsel mit letztjährigen Modellen und anderen Marken ist kaum denkbar. Eher ein weiterer Belohnungs-ON-Einkauf. Mein ON begleitet mich - logo - auf diesem Marathon.

Ich freue mich, wie es mit mir läuft. Ich bin überzeugt, mein Tempo gefunden zu haben und bleibe mir und meinem Rhythmus treu. Zudem habe ich meine Getränke und Sponser-Gels mit dabei, um wirklich fokussiert bei mir selber bleiben zu können.

Es kommt mir alles wie ein romantischer Kurzfilm vor und bereits zeigt sich die Halbmarathon-Markierung. Weiter so, on y va!

Anschliessend folgt hingegen mein inneres Rennen. Übel.
Das satte Gelb der Sonne, der weiten Rapsfelder und der Westen der Helfenden wird mir allmählich zu aufdringlich. Kriege echt das Augenflimmern davon. Das Atmen finde ich je länger je anstrengender. Mein Herz rast. Ich probiere es mit einem weiteren Gel. Meine Getränke-Beutel glucksen nach wie vor frisch-fröhlich und proppe voll in meinem x-bionic-Radtrikot. Die Kilometer ziehen sich in die Länge. Kein Problem, denke ich. Das darf so sein. Jetzt kann ich meine mentalen Tricks anwenden. Keinen Stress also. Ich entschleunige, mache wenige Schritte marschierend und laufe wieder los…

Echt, was geht hier ab? Bin ich doch zu rasant gestartet? Ich verstehe es nicht. Schmerzen habe ich nicht. Nun denn, Jammerlappen versorgen und weiterlaufen.
„Es“ hält immer wieder mit mir an. Gopf!!!! So ein Mist. Was ist los?
Leider bin nicht mehr ich diejenige, die von hinten „uufröllelet“, sondern ich werde unbarmherzig überholt und überholt und überholt. Ich sehe den See. Schön. Ich nehme alles wahr. Bin gleichzeitig neben mir. Ohne Gefühle. Empfindungslos. Ist einfach wie es ist.
Mir wird allmählich kalt. Vielleicht habe ich den Sommer morgens zu überschwänglich begrüsst?
13 Uhr -  lese ich von meiner Uhr. Ich denke ganz fest an alle, die nicht laufen können. Und an diejenigen, die in Olten am Start sind. Und an mich, die ins Ziel will.
David holt mich ein. Wir haben uns immer wieder mal abgewechselt. „Courage! Tu arrives!“ Es kommt mir vor, wie wenn er mich an der Hand nehmen will, um mich über die Mont-Blanc-Brücke zu führen. Torkle ich so sehr, dass es äusserlich sichtbar wird?

Die Blitzlichter der Fotografen nehmen mich aus der Trance. Im Ziel! Geschafft!
3:35… und „Brösmel“. Will ich das? Bin ich das? Neeeeeee!
Ich lege mich irgendwo ins Gras. Schlottere und könnte auf der Stelle einschlafen. Höre immer wieder Sanitäts-Autos.
Meine Beine beginnen zu krampfen. Noch nie erlebt. Ich lasse mir Zeit. Geht nicht anders.

Entsprechend bin ich froh, dass ich noch eine weitere Nacht in Genf bleiben werde.
Mitten in dieser gehe ich auf die Toilette. Mein Urin hat eine ähnliche Farbe wie mein Gesicht. Und wie das Sponser-Randenkonzentrat Red Beet Vinitrox.
Herrjee! Voll krass. Plötzlich realisiere ich, was mir passiert ist…
Seit 16 Stunden kann ich wieder mal Wasser lassen. Ein Rekord. Wer mit mir Radtouren macht, kriegt automatisch ein mentales Zusatzprogramm zugeschanzt. Ich fordere nämlich mindestens alle Stunden meinen Pipi-Stopp. Mein Partner Mändu ist entsprechend überglücklich, habe ich von Sponsor x-bionic bequeme und trägerlose Radhosen erhalten. Zeitersparnis pur. Seine Geduld wir geschont.

Ich bin dermassen an meinem vertrauten Wettkampfproblem des „richtigen“ Tempos geklebt, dass ich gar keine anderen Schwierigkeiten habe in Betracht ziehen können. Kathrinchen: Du bist deftig dehydriert. Punkt. Nun nicht ins Gedanken-Drehen und Selbst-Zerfleischen geraten.
Hingefallen? Aufstehen! Krönchen aufsetzen…Und weiter geht es!
Jawoll - Am 28. Mai zum Team-Trainingstag im Berner-Oberland. Alex hat eben das tolle Programm verschickt. Und Manu, gell du kommst und lässt Übelkeit und co. daheim. Ich brauche Dich erneut als Schwimmpartnerin!
Am 19. Juni ein Wettkampf mit den „Biennathlon rocks 2016“-ladies vom Team…
Yeah! Ich freue mich so sehr.
Meine Beine kribbeln und ich werde gewiss ausreichend getrunken haben, wenn ich euch Ladies-Seelenverwandte sehen werde.

Und die Pointé der Geschichte:
Bevor ich mich nach dem Lauf im Quartier bei einem Italiener mit einem feinen Z’Nacht verwöhne, steige ich in meinem Hotel-Zimmer in die Badewanne. Kleines Entsäuerungsritual.  Niedergeschlagen döse ich sowohl im Wasser wie auch im Selbstmitleid. Vor drei Jahren war ich ein halbe Stunde schneller. Muss ich jetzt jährlich in meinem fossilen Alter 10‘ auf 42km dazu rechnen? Das darf doch nicht wahr sein!
Ein SMS überrascht mich: „Bonjour et félicitations pour votre résultat sur votre course! Vous pouvez venir récupérer votre prix… » Wie bitte? Was!
Da ich überhaupt keine Ressourcen mehr habe, mir selber auf die Schultern zu klopfen, brauche ich diese Würdigung von aussen. Ist mir Piep egal, ob ich einzig einen Hallenbadeintritt als Preis gewinne, der gleichentags ablaufen wird und den die 100 besten der AK bekommen.
Ich satze aus der Badewanne und nehme das Risiko eines Oberschenkelhalsbruches in Kauf. Anziehen. Sprint auf das Tram an der Stadtgrenze. Meine Beine schaffen das blendend und meine Moral steigt zusehends.
Die Resultate sind nach wie vor nicht abrufbar über’s Internet. Im Englischen Garten angekommen habe ich Glück. Um 18 Uhr läuft nebst den Aufräume-Arbeiten noch einiges. Ich gerate zufällig und auf Anhieb an den richtigen jungen Mann, dem ich mein Anliegen schildere. Er lacht mich grossherzig an, übergibt mir sorgfältig eine Tüte und gratuliert mir strahlend mit Händeschütteln zum dritten Platz. Ich grinse zurück.
Und welch‘ charmant winkenden Zaunpfahl wird mir beschert? Une garafe d’eau de Genève

Santé liebe Ladies, mit denen ich so gerne im Austausch bin,
Santé auch unseren grosszügigen und wertvollen Sponsoren,
Santé natürlich und vor allem auch meinem unterstützenden Mändu-Schatz.

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Kommentare: 3
  • #1

    Karin D (Freitag, 13 Mai 2016 19:33)

    Gratuliere dir ganz herzlich zu dim Marathon und dim tolle Bricht Total guet gschriebe und han grad Hühnerhuut becho Han richtig mit dir chönne mitliide

  • #2

    Alex (Samstag, 14 Mai 2016 17:08)

    Herzliche Gratulation zu deinem Top-Resultat! Und wenn man bedenkt, dass ein 2%-Flüssigkeitsverlust eine Leistungseinbusse von 20% zur Folge hat, dann kannst du dir ausrechnen, was für eine Fabelzeit du gerannt wärst mit ausreichend Flüssigkeitsreserven. Vielleicht hättest du ja sogar die Schallmauer von 3h geknackt :-). Erhole dich gut und auf bald!!!

  • #3

    Ursula Thiewächter (Sonntag, 22 Mai 2016 02:05)

    Liebste Kathrin, wow!!! Herzliche Gratulation!! Also ich --- als total unsportlicher Mensch --- machte mir nie gross Gedanken oder gar eine Vorstellung, was in einem Läufer während eines Laufes so abgeht. Mensch Kathrin, Dein Bericht hat mir die Augen geöffnet.....aahhhh.....so isch das!!!
    Du hast es so toll beschrieben, dass auch ich eine kleine Ahnung vom inneren Kampf mitbekommen habe.
    Ich weiss wie wichtig genau dieser Genfer Lauf für Dich war.....ist doch alles o.k. und super gelaufen.....finde ich!!!! Sei stolz auf Dich!!! :-)
    Ich wünsche mir für Dich, dass Du Deine gesetzten Ziele erreichen kannst und wenn nicht, dann wünsche ich Dir dass Du die Fakten einfach akzeptieren kannst!
    Alles, Liebe, weiterhin viel Kraft für Deine Ziele und Vorhaben.....
    Deine Freundin und Schwägerin
    Ursi