Eigernordwand 5./6. Dezember 2015

Neben dem Velofahren sind alle Arten von Bergsport meine andere grosse Leidenschaft. Seit eh und je faszinieren mich die Berge und Natur und ich liebe es, mich darin mit Skis, zu Fuss oder mit Seil und Bergschuhen zu bewegen. So gibt es auch Berge oder Routen, welche mich faszinieren und von denen ich träume, sie irgendwann selber durch- oder besteigen zu können. Wer kennt sie nicht, die Eigernordwand? Eiger - Mönch und Jungfrau, drei Berge die wohl jeder kennt. Den Mönch und die Jungfrau habe ich beide bereits vor längerer Zeit bestiegen, mir fehlte nur noch der Eiger. Am Eiger gibt es verschiedene Routen, die "normal" Route verläuft über den bekannten Mitellegigrat. Und dann gibt es eben noch diese eine Wand, die Wand der Wände, wegen der so viele Bergsteiger seit Jahren ins Berner Oberland reisen. Genau, die Eigernordwand. Seit Jahren ein Traum und eigentlich habe ich immer gedacht, es werde ein Traum bleiben......

Bis ungefähr vor drei Jahren, als ich mit meinem Chef wieder mal über die Eigernordwand sprach und er plötzlich meinte. Cristina wenn du 5 Jahre bei bergpunkt arbeitest, dann schenke er mir die Eigernordwand zusammen mit einem Bergführer. Ja und im letzten Juni hatte ich mein 5 jähriges Jubiläum und somit konnte das versprochene Geschenk eingelöst werden. In Ralf Weber habe ich einen sehr guten Bergführer gefunden, mit welchem ich im Voraus als Trainingstouren das Crack Baby und den Frendo Pfeiler machte. Ralf glaubte immer an mich und meinte ich habe die Fähigkeiten um mit ihm in die Eigernodwand zu steigen. Bereits diesen Oktober hätte ich einen Termin mit ihm gehabt. Doch beim Bergsteigen entscheiden immer noch die Berge über ein Go oder Nogo. Und die Verhältnisse und das Wetter waren dann noch nicht gut.... Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben und wir sind so verblieben, dass er mich spontan informiert wenn die Verhältnisse stimmen und er Zeit hat.

Und ja, letzten Mittwoch war es soweit und ich bekam einen Anruf von Ralf. Bis es am Samstag früh dann endlich losging, konnte ich kaum mehr essen, schlafen und alles drehte sich in meinem Kopf nur noch um diese Wand. Ich hatte grosse Angst und Respekt... Konnte ich das wirklich? Bin ich überhaupt bereit... und und und...

Ich sagte mir, wenn du es nicht probierst, weisst du es auch nicht. Also stieg ich am Samstagmorgen beim Stollenloch mit Ralf in die Wand ein. Seit dem letzten Schneefall war Niemand mehr in der Wand. Ralf musste alles spuren und zum Glück war er bereits mehrmals in der Wand und wusste haargenau wo es durchgeht. Ich konzentrierte mich auf meine Tritte mit den Steigeisen und meine zwei Eispickel. Ich war wie im Film, konnte es gar nicht fassen und bewegte mich einfach immer weiter. Der schwierige Riss war wirklich schwierig. Ich habe mich im Vorfeld so oft mit dem Eiger beschäftigt, dass ich all die Namen der Schlüsselstellen kannte und ungefähr wusste was noch kommt. Und dann der Hinterstoisserquergang an alten Fixseilen, ob die wohl halten? Ja ja die halten... ;-)

Am meisten Angst machte mir die Kälte. Doch ich hatte gar keine Zeit zum frieren. Entweder musste ich Ralf sichern oder einfach nachsteigen und wir waren gleichzeitig unterwegs. Irgendwie war ich laufend in Bewegung und schwitzte eher als dass ich fror. Der erste Tag verging wie im Nu und die letzten drei Stunden kletterten wir mit den Stirnlampen. Gerade dann als es so richtig schwierig wurde. Die Felsen waren mit einer dünnen Schicht Wassereis bedeckt, was alles noch viel schwieriger machte. Puh war ich froh als wir vor dem Götterquergang angekommen sind. Hier machten wir unser Biwak. Ich schlief, oder versuchte es zumindest auf einem schmalen Band. Gerade breit genug für mein dünnes Mätteli. Angeseilt mit Klettergurt lag ich im Schlafsack. Die herrliche Sicht auf das beleuchtete Grindelwald, Thun etc. und der wunderschöne Sternenhimmel liessen alles vergessen. Ich wusste dass die wenigen Leute, welchen ich es im Vorfeld erzählt habe, an mich denken und mir Wärme ins Biwak schicken. Ich hatte wirklich angenehm warm und die Nacht verging schnell, obwohl ich praktisch keine Auge zugemacht habe.

Dann am Sonntag kurz nach sieben Uhr starteten wir mit dem Götterquergang. Was dieser mit den Göttern zu tun hat weiss ich nicht, aber ich dachte während dem Klettern öfters an die Götter und dass sie mich doch gefälligst beschützen sollen. Es war ein schwieriger Start und von Anfang an war vollste Konzentration gefordert. Dann in der Spinne erwartete uns schönste Eiskletterei, so wie ich es liebe. Nur die Waden brannten und ich war froh wenn ich ab und zu wieder mit dem ganzen Fuss abstehen konnte. Beim Quarzriss war dann so richtig murksen angesagt. Zum Glück hatte es Schlingen und alte Hacken wo ich mich irgendwie hochwürgen konnte. Elegant sieht definitiv anders aus! ;-) Auch die beiden Ausstiegsrisse waren mit Wassereis und wenig Pulverschnee übergossen und dementsprechend schwierig. Doch ich war ja immer von oben gesichert, machte mir mehr Sorgen um Ralf im Vorstieg. Ein kleiner Fehler von ihm und es hätte fatale Folgen für ihn haben können. Doch er war die Ruhe selbst und es war faszinierend ihm zuzuschauen. Dann beim Gipfeleisfeld litt ich total, die Höhe machte mir extrem zu schaffen. Doch mit dem Ziel vor Augen schaffte ich auch das noch. Und ich war überglücklich als wir kurz vor ein Uhr auf dem Gipfel standen. Meine Gefühle die in mir herrschten sind unbeschreiblich. Freudentränen kullerten mir über die Augen und versuchte ich vor Ralf zu verstecken. Wir umarmten uns und er gratulierte mir und ich dankte ihm für die suveräne Führung. Doch wie jeder Bergsteiger weiss, auf dem Gipfel hat man erst die Hälfte und der Abstieg bedarf dann immer noch volle Konzentration. Für den Abstieg nahmen wir die Westflanke unter die Füsse. Es wurde nochmals alles abverlangt. Da es keine Spur hatte mussten wir alles spuren. Und weil im Abstieg der Gast voraus geht, lag die Spurarbeit an mir. Doch weil ich so im Flash war liess ich mich nicht gross beirren. Und als wir dann Seilfrei unterwegs waren übernahm Ralf die Spurarbeit und es ging noch flotter vorwärts. Um 17.00 Uhr haben wir die Station Eigergletscher erreicht und um 17.10 fuhr auch schon die letzte Bahn nach Grindelwald....

Und heute, einen Tag dannach, sitze ich zu Hause in der warmen Stube. Immer noch müde, aber mit einer unglaublichen inneren Zufriedenheit. Diese zwei Tage werde ich wohl mein Leben lang nie mehr vergessen und all das erlebte kann mir Niemand nehmen und wird mir bestimmt auch an Sportwettkämpfen in Zukunft hilfreich sein, wenn ich wieder mal meine ich kann nicht mehr. Denn irgendwie geht es immer weiter und so schnell haut einem nichts um! ;-)

Denn träume nicht dein Leben sondern lebe deine Träume!!! :-)

Danke an bergpunkt und Ralf, die mir diesen riesen Traum erfüllt haben!!

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Kommentare: 8
  • #1

    Cone (Mittwoch, 09 Dezember 2015 07:37)

    Ig chas nid fasse - e unglaubliche Bricht - e unglaubliche Trip und unglaublichi Emotione wo du da mit üs teilsch und ig direkt cha nache empfinde. Trotz RIESIGER Höhenangscht - aber die Freiheit wo du a däre Wand muesch gspührt ha, die chani nachefüehle - ds Schlafsäckli wo zum Teil no chli über dKante hänget de weniger:))) Grossartig Ruedeli!

  • #2

    Chanti (Mittwoch, 09 Dezember 2015 10:35)

    Hei
    Super Bricht und i ha auso ou grad chli müesse läär Schlücke bi denä Zile! Schön gschribe!
    Super Leistig Cristina!

  • #3

    Alex (Mittwoch, 09 Dezember 2015 12:16)

    E super spannende Bricht; merci, dass du dini Emotione mit üs tuesch teile. Ig cha das guet mitempfinde, mache ja säuber sehr gärn Bergtoure. Aber d`Eigernordwand isch definitiv e Nummer z`gross für mi :-).
    Gueti Erholig! lg Alex

  • #4

    Nadine (Donnerstag, 10 Dezember 2015 20:56)

    Cristina du bisch eifach ä Maschine! Fröiemi scho ufe live Bricht bi üsere
    Nächste Joggingrundi! Huet ab!!!

  • #5

    Bruno Aeberhard (Samstag, 12 Dezember 2015 08:13)

    Mega Leistig! Gratuliere! Spannende u sehr idrücklächä Bricht.Ig luege immer ehrfürchtig d Eigernordwand a we ig wiedrmou z Grinduwaud bi, für mi unvorstöubar dört uä z chlettere. Respect!

  • #6

    Mutter (Sonntag, 13 Dezember 2015 20:14)

    Mi liebe Cristina, its wo ni di wunderschön Bricht lise, wo du so voller Zfrideheit u Ehrfurcht vorem Läbe u vorem Bärg gschribe hesch..... ja da überchunnt mi wieder das Gfüehl vo tiefschter Dankbarkeit, dass aus guet gange isch, dass du gsung bisch u i fröie mi vo Härze mit dir, dass du dir dä Troum hesch chönne erfülle u i bi sehr sehr stolz uf di!!!! Das isch ä ungloublechi Leischtig!

  • #7

    René (Mittwoch, 16 Dezember 2015 09:02)

    Super Leistung Ich habe im August1983 diese Route auch mit Toni Betschard versucht wir mussten aber wegen Wetterumbruch den Versuch abbrechen und es kam leider nie mehr die Gelegenheit. Ich freue mich, dass Du dies geschafft hast und einen wunderbaren Bericht mit tollen Fotos darüber geschrieben hast hast. Toll Christina und weiter so es warten noch viele schöne und klassische Routen auf Dich Grüsse aus der Türkei Rrene

  • #8

    Kathrin (Mittwoch, 16 Dezember 2015 19:35)

    Auch ein Merci von mir - Dein Bericht, die durchschimmernden Emotionen und wie Du Dein Erlebnis inklusive Natur und menschliche Unterstützung würdigst, nimmt mir regelrecht den Atem. Wunderwunderwunderschön liebe Cristina. Da vergesse ich gar meine Trittunsicherheiten und meine Höhenehrfurcht;-) Du bist genial!