Alpenbrevet 276m und 7035Hm

Als ich letzten Sommer mit Nicole die Tortour Challenge so erfolgreich finishen konnte, hat mich der Rennvelovirus so richtig gepackt. Gerne hätte ich mich natürlich zusammen mit Nicole an die grosse Tortour Strecke im Couple gewagt. Doch bereits bald nach der Tortour 2014 war klar, dass bei Nicole schon bald eine andere Challenge ansteht. :-)

Per Zufall wurde ich im Dezember 2014 im Internet auf das Alpenbrevet aufmerksam. Ich musste nicht lange überlegen und habe mich kurzerhand für die längste, sogenannte Platin Strecke über 5 Pässe angemeldet!

Wie immer steht bei mir im Winter aber der Wintersport mit Skitouren und einwenig Langlauf im Vordergrund. Das Velo hole ich jedes Jahr nach Ostern aus dem Winterschlaf und so begann meine eigentliche Vorbereitung auf das Alpenbrevet. Wie bereits in einem früheren Post geschrieben, haben mich im Frühjahr gesundheitliche Probleme etwas zurückgeworfen oder besser gesagt gebremst. Doch mit dem klaren Ziel vor Augen, blieb ich trotz allem immer ziemlich motiviert.

Als ich im Mai wieder mal mit meinem guten Freund Robi im Ausgang war, erzählte ich ihm von meinem Projekt. Nach zwei Bier war er sofort total begeistert und motiviert, mich zu unterstützen und mit mir die gesamte Strecke zu fahren. Robi, ehemaliger Profibiker, war in den letzten Jahren nicht mehr so aktiv und total motiviert wieder mal ein solches Ziel vor Augen zu haben. Auch mich spornte es natürlich umso mehr an zu trainieren. Hatte ich doch grossen Respekt mit einem ehemaligen Elitebiker an den Start zu gehen.

Meine Vorbereitung lief immer wie besser, bis mich am Gigathlon diese doofe Biene stach und ich als Allergikerin ins Spital musste und mit starken Medikamenten vollgepumpt wurde. Ich konnte es zuerst gar nicht glauben, dass mich ein Bienenstich dermassen zurückwerfen kann? Fast drei Wochen ging gar nichts mehr. Zum Glück halfen mir wieder mal tolle Berg- und Klettertouren mit Maria und Res um mich langsam aber sicher wieder zurück zu kämpfen.

Am letzten Freitag, 28. August war es dann endlich soweit. Am Abend traf ich mich mit Robi in Meiringen. Nach einer Henkersmahlzeit auf unserem Gaskocher legten wir uns im Auto schlafen. Doch an Schlaf war für mich nicht zu denken. Die ganze Nacht wälzte ich mich hin und her und konnte vor lauter Aufregung und Nervosität kein Auge zu tun. Sorry Robi, natürlich konnte er dadurch auch nicht wirklich schlafen. Ich war heilfroh, als wir um 5 Uhr endlich aufstehen und frühstücken konnten.

Dann um 6.45 Uhr ertönte der Startschuss und langsam kamen die 2500 Fahrer in Bewegung. Zuerst 10km einfahren und dann ab Innertkirchen in den ersten langen Aufstieg Richtung Grimsel. Ich fühlte mich gut und liess mich nicht stressen. Fuhr einfach mein Tempo, immer schön neben oder hinter Robi. Alle 20 Minuten hiess es von Rob: "so, Cristina wieder was essen". Meistens ass ich auch was, erst gegen Schluss wollte ich ihm nicht mehr so richtig gehorchen! ;-) Unterwegs trafen wir immer wieder auf bekannte Gesichter aus meinem ehemaligen VC Reinach oder natürlich kennen viele Fahrer meinen Bruder und da auf meiner Startnummer mein Name stand, haben mich einige auf ihn angesprochen. So wurde es auf alle Fälle nicht langweilig.

Am zweiten Pass, dem Nufenen, hatte ich meine erste Krise. Mein Rücken schmerzte höllisch und strahlte ins rechte Bein aus. Mein Oberschenkel krampfte und ich litt. Doch zum Glück habe ich die Motivationssprüche meines Bruders auswendig gelernt und ich sagte mir immer wieder: "Allez Cristina, nach jedem Tief kommt wieder ein Hoch." In der Abfahrt bis nach Airolo konnten wir dann voll Gutzi geben und ich hockte mich einfach in den Windschatten der Männer und blochte volle Kanone den Pass runter. Hirn ausschalten inklusive! ;-)

Ab Airolo war es dann ein Zeitfahren mit kurzen Intervallen bis nach Biasca. Wir waren eine Gruppe von rund 10 Fahrern, doch leider beherrschen nicht alle das Gruppenfahren, so musste ich ab und zu wieder Lücken schliessen, damit ich Robi nicht aus den Augen verlor. Wieder krampfte mein rechter Oberschenkel... In Biasca verpflegte ich mich gut, trank viel Cola und nahm mehrere Salztabletten...

Dann folgte der wohl längste Aufstieg bis auf den Lukmanier. Die Gegend war wunderschön und praktisch kein Verkehr. Nur die Mittagssonne brannte vollgas auf uns nieder. Wir fuhren ein konstantes angenehmes Tempo und an diesem Pass half mir der Spruch: "Cristina, du musst nur drei Sachen tun trinken, essen und trampen." Genau das tat ich und so waren wir schon bald auf dem dritten Pass. Die Abfahrt war dann wieder genial, wir überholten wie immer ein paar Fahrer und ich versuchte Robi in den Kurven am Hinterrad zu bleiben, was natürlich nicht immer ganz einfach war! Ab Disentis empfing uns ein übler Gegenwind. In einer wieder rund 10 köpfigen Gruppe fuhren wir auf den Oberalp, wobei Robi alles führte, keinem anderen Typen kam in den Sinn je Führungsarbeit zu leisten.... Kein Wunder hatte dann Robi auf dem Oberalp seine erste ernsthaftere Krise. Nach einer kurzen Pause und Verpflegung fuhren wir nach Andermatt und weiter nach Wassen.

Bereits im Vorfeld wusste ich, dass der Susten der härteste Pass werden würde. Vielleicht deshalb oder auch sonst, war es dann wirklich so... Ab Meien hatte ich echt zu kämpfen.. ich mochte einfach nichts mehr Essen, schon nur beim Gedanken daran wurde mir übel. Doch irgendwie zwang ich mich zum Glück trotzdem ab und zu noch einen Schluck aus der Geltube zu nehmen. Auch Robi litt und wir fuhren beide mit starrem Blick auf den Asphalt und unser Vorderrad den Berg hoch. Der Spruch von meinem Bruder: "Geniesse die Landschaft, das schöne Wetter etc." half mir da auch nicht mehr viel, irgendwie konnte ich den Blick nicht mehr heben. Hier motivierte mich eher der Spruch: "Cristina, was de hesch, das hesch... " so fuhr ich Kilometer um Kilometer den Berg hoch. Als ich oben auf dem Pass durch den Tunnel fuhr, musste ich kurz ein paar Tränen verdrücken. Ich wusste, jetzt hast du es geschafft, nur noch sorgfältig runterfahren und den Bienen ausweichen, dann bist du im Ziel. Die letzte Abfahrt konnte ich dann noch so richtig geniessen und der letzte kurze Aufstieg bei der Aareschlucht war nur noch Zuckerwasser.... da pushten wir uns gegenseitig hoch. Und nach 13 Stunden und 13 Minuten erreichten wir beide gemeinsam und überglücklich das Ziel in Meiringen und haben die 276km und 7035 Höhenmeter erfolgreich hinter uns gebracht. Ich konnte es kaum fassen und war total überwältigt. Viele Männer haben mir gratuliert und gemeint ich sei sackstark gefahren. Das hat mich natürlich schon etwas geehrt! ;-) Auch die vielen SMS von meinen Freunden, Eltern, Bruder und Schwester berührten mich sehr! Und das schönste ist, dass ich es nicht alleine erleben musste. Robi war ein absolut genialer Begleiter und wie an der Tortour ist geteilte Freude noch viel schöner!

Herzlichen Dank auch an unsere Teamsponsoren, die X-Bionic Bekleidung war sensationell und mit den Sponser Gels kann man es nicht nur länger, sondern auch noch besser! ;-)




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Kommentare: 2
  • #1

    Cöneler (Mittwoch, 02 September 2015 17:55)

    Während ich dich ganz vergessen habe und tanzend ds Füdli gschwenkt ha, hesch du dis Füdli maltretiert und einmal mehr Grossartiges geleistet!! Was de hesch, das hesch - genau:-)) und ig ha grad gredi use müesse lache - im zug:-)) bi eifach stolz uf di und was du leischtisch isch definitiv unglaublich! Ke Wunder si da dini Herre Mitfahrer tief beidruckt!

  • #2

    Kathrin (Samstag, 12 September 2015 23:46)

    Heya Cristina - sind einfach soooo "läbig" Deine Zeilen. Ich klebe völlig an Deinem Erlebnis-Hinterrad und bin beeindruckt, wie und was Du alles schaffst. Indirekt und in einer puren Begleiterinnen-Rolle kann ich erahnen, was die feminine Platin-Medaille erfordert. Spitze und Gipfel und überhaupt: Gratuliiieeeere!!! Auch Mändu gehört zu den beglückwünschenden Männern;-)