Challenge Roth 2015

12. Juli 2015 morgens um 3:50Uhr in einer kleinen Pension in Meckenlohe im deutschen Bundesland Bayern: der Wecker reisst mich aus dem Tiefschlaf. Nach kurzer Orientierungslosigkeit wird mir schnell wieder klar, was mir heute bevorsteht: Mein längster Tag des Jahres 2015, das legendäre Langdistanzrennen in Roth. Seit ich weiss, was Triathlon bedeutet, ist mir auch der Name Roth ein Begriff. Jahrelang habe ich nur davon geträumt, einmal hier starten zu können. Von meinen ersten Träumen bis zur Realität sollten gut 20Jahre vergehen, davon 17Jahre, während denen ich meinen Körper und Geist sukzessive auf Langdistanzrennen vorbereitet habe, beginnend mit Marathon, über Gigathlon bis zum Ironman.

Nach einem kleinen Frühstück fahren Brigitte, meine Freundin und Mitstreiterin sowie mein Mann Ivo nach Hilpoltstein an den Start. Je näher wir dem Startgelände kommen, desto dichter wird der Verkehr. Im Halbschlaf begeben wir uns in die Wechselzone. Reifen aufpumpen, Bidons füllen, Bremsen kontrollieren...das gewohnte Procedere. Allzuviel Zeit bleibt uns nicht, der Start ist um 6:40Uhr. Schnell in den Neoprenanzug schlüpfen und ab ins Wasser, 5min Einschwimmen muss diesmal ausreichen. Dann der Startschuss der 1. Frauengruppe, zu der ich gehöre, ein Wasserstart. Ich bin überrascht darüber, wieviel Platz ich habe. Obwohl der Main-Donau-Kanal nicht besonders breit ist, bekomme ich keine Schläge ab, alles wirkt so friedlich, kein Stress. Schnell finde ich meinen Rhythmus, begleitet von den Zurufen der Zuschauer, die uns entlang des Kanals begleiten und anfeuern. Ein sehr spezielles Gefühl, schwimmt man doch normalerweise in den See oder ins Meer hinaus, weit entfernt von den Zuschauern. Das gibt einem auch ein Gefühl von Sicherheit. Nach etwa 3km schwimmt man unter einen grossen Brücke durch, auf der eine unüberschaubare Menge von Zuschauern stehen und den Schwimmern zurufen, begleitet von fetziger Musik.


Nach 3.8km dann der Ausstieg mit neuer persönlicher Bestzeit. Noch nie kam mir das Schwimmen an einem „Ironman“ so kurzweilig vor. Voll motiviert renne ich in die Wechselzone, wo ich von einer freundlichen Helferin empfangen werde. Sie hilft mir aus dem Neopren, legt mir die Schuhe parat und crèmt meinen Rücken ein, ein Rundum-Service. Dann schnappe ich mein Rad und begebe mich auf die 180km Radstrecke, aufgesplittet in zwei 90km-Runden. Unglaublich wieviele Zuschauer um diese Zeit an der Strecke stehen. Zwischen den Dörfern sind wir Triathleten aber unter uns, man hört nur das Rauschen der Aerofelgen und das Keuchen seines eigenen Atems. Ich versuche ein gleichmässiges Tempo zu fahren und mich in regelmässigen Abständen zu verpflegen; Sponsergetränk, Gels, Riegel und Salbtabletten, welche an diesem heissen Tag (30°C sind prognostiziert) von besonderer Wichtigkeit sein werden. Nach 70km dann ein weiteres Highlight, das ich bisher nur aus den Schlagzeilen kannte: der Solarer Berg. Kein wirklicher Berg, aber im Vergleich zur eher flachen Strecke doch ein merklicher Anstieg. Als ich auf die Steigung zufahre weiss ich noch nicht, wie ich durch diese Menschenmasse werde durchradeln können.


Kurz davor macht sich eine kleine Schneise auf, gerade breit genug, um passieren zu können. Ueberholen ist unmöglich. Die Stimmung ist atemberaubend. Wie in Trance erreiche ich das Ende der Steigung. Auf der zweiten 90km-Runde frischt der Wind langsam auf, es werden Windgeschwindigkeiten von 50km/h gemessen. Schnell merke ich, dass ich keinen neuen persönlichen Radrekord werde aufstellen können. Nach 180km, die ich fast ausschliesslich in Aeroposition gefahren bin, bin ich froh, endlich wieder eine Vertikalposition einnehmen zu können. Wieder werde ich freundlich von einer Helferin in Empfang genommen, 1:1 Betreuung, was für ein Luxus. Dann geht’s ab auf die 42.2km lange Laufstrecke. Nur nicht an die volle Distanz denken, sondern die Strecke mental in Abschnitte unterteilen, versuche ich mir einzureden. Noch weiss ich nicht, wie gut ich den abschliessenden Marathon verkraften werde, fehlen mir doch einige Wochen Lauftraining. Verletzungsbedingt musste ich diese Disziplin, in die ich anfang Jahr so viel investiert hatte, in den Hintergrund stellen. Zum Glück hatte ich jedoch das Privileg, dass ich an meinem Arbeitsort in der Medbase Thun auf einem Alter G (=spezielles Laufband, auf dem man unter Teilentlastung des Körpergewichts laufen kann) trainieren konnte. Dies sollte mir zugute kommen.
Die Laufstrecke war leicht coupiert und mehrheitlich auf Kieswegen dem Main-Donau-Kanal entlang. Die Abschnitte im Wald brachten eine leichte Abkühlung dank dem Schatten. Bis KM 21 konnte ich eine Pace von 4:40min/km aufrecht erhalten, dies zu meiner Ueberraschung. 


Die Anfeuerungsrufe an den Verpflegungsstellen beflügelten mich zusätzlich. Bei KM 35 wusste ich, dass ich die angepeilte Marathonzeit von unter 3:30h werde realisieren können. Zwar wurden die Beine zusehends schwerer, aber die Vorfreude auf den Zieleinlauf liessen die Müdigkeit vergessen. Nach einer kleinen Runde durch das Rother Stadtzentrum, kam dann die ersehnte Finishline. Ich wurde von einer riesigen Menge von Zuschauern empfangen, beim Durchlaufen des Zielbogens kamen mir die Freudentränen. Ich durfte ein unglaubliches Rennen mit neuer persönlicher Bestzeit von 10h25 auf der „Ironman“-Distanz beenden. Als nicht erwartete Belohnung erreichte ich damit den 3. Rang in meiner Alterskategorie. Ueberaus gefreut habe ich mich auch darüber, dass Brigitte, welche anfänglich vor hatte das Rennen auf der Laufstrecke vorzeitig zu beenden, auch gefinisht hat. Ein Grund mehr zum feiern.


Die Challenge Roth war retrospektiv mein bestes Rennen auf der Langdistanz und zugleich dasjenige, an dem ich am wenigsten leiden musste. Ich werde in Zukunft sicherlich wieder einmal dort starten.


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Kommentare: 1
  • #1

    Kathrin (Mittwoch, 29 Juli 2015 11:30)

    Super! Gratuliere Alex zu Deiner fantastischen Triathlon-LD, Deiner Rangierung und zu Deinem wunderschönen Bericht. Wie Du feinste Gesten der Helfenden und der Zuschauer, die Rahmenbedingungen, Dein gelungenes Rennen und das Finishen von Brigitte wertschätzt, berührt mich. Wahnsinn, was Du nebst der Top-Leistung alles wahrnimmst. Beste Werbung für Roth;-)