Der Golatenstutz-Gurtentäli- Lauf

Genau! Bestens gestutzt und gut vermutet: Golatenstutz- Gurtentäli ist kein neuer Ultramarathon, sondern sind Etappen beim Kerzerslauf und beim GurtenClassic.

Beide Läufe umfassen 15km. Der GurtenClassic gehört mit seinen 450 Höhenmetern scheinbar zu den Bergläufen und der Kerzerslauf kann problemlos mit dem Prädikat „coupiert“ leben. Landschaftlich finde ich alle beide attraktiv, da sie wunderbar durch Waldabschnitte und über offene Felder führen und genüssliche Aussichtsmomente anbieten. Zudem zeigt sich das Terrain der Strecken als abwechslungsreich, gelenkschonend und wenig anspruchsvoll. Mit Kerzers kann Ende März das Wettkampfjahr beginnen und anfangs November endet regional auf dem Gurten die Saison mit dem vermutlich letzten 10km+-Lauf. Mit knapp 2000 Frauen starten in Kerzers etwa 10x mehr Ladies als beim GurtenClassic. Wie könnte ich die Läufe ansonsten noch charakterisieren? Ach ja, die Startnummer wird in Kerzers per Post zugestellt. Lässig. Und auf dem GurtenClassic-Logo ist nebst dem Läufer eine Bikerin skizziert. Wirkt für ein Frauen-Team echt einladend. Toll. Ich kann mir gut vorstellen, an diesen Läufen ein weiteres Mal teilzunehmen (sie gibt es auch als Trainingsangebot).

 

Meine Resultate: Kerzerslauf 19. Platz AK (von 288); GurtenClassic 10. AK (von 53)

 

 

War’s das? Nein, keine Bange.

 

All dies lässt sich nüchtern berichten und findet sich analog (bis auf meine Nicht-Strecken-Rekord- Ergebnisse) zum Beispiel im durchaus lesenswerten Schmöker „Atemraubend – Laufszene Schweiz“ von Thomas Winkler. Glücklicherweise wachse ich in einem Team auf, welches Emotionen zulässt und teilt. Entsprechend darf ich ehrlich sein. Es geht weniger um Kerzers und um den Gurten… Es geht um meinen Lauf zwischen dem Golaten“absturz“ anfangs Jahr und dem Gurtentäli-High am vergangen Sonntag.

 

 

 

Nach einem für mich berauschenden Sportjahr 2013 freute ich mich richtiggehend auf den ersten Wettkampf im 2014. Bereits wissend, dass eine grosse familiäre Veränderung vor mir liegt, ging ich nahezu trotzig-kleinkindlich nach Kerzers ins erste Rennen. „Das Flügge-Werden meiner Jungmannschaft“, sagte ich mir, „soll bloss zu keinem Bremsklotz in meinem Leben als naturverbundene Sportlerin werden. Wäre doch gelacht. Mental bin ich stark und steck das weg.“ Mist. Ich habe mich total überschätzt! So peinlich. Um in den passenden Startblock einzustehen, musste ich mich einschätzen. Wollte ich auch! Imprägniert mit einem mir nicht wirklich vertrauten Ehrgeiz drängelte ich mich in den 1:07-Block. Nach dem Startschuss galoppierte ich rasant los. Um mich aus der Masse befreien zu können und in Anbetracht der Nadelöhr-Situation, legte ich mit einem Grinsen noch einen Zacken zu. Das freche Lachen verging mir nach der Streckenhälfte. Die Freude am Laufen ebenso. Zum ersten Mal kam ich auf die irrige Idee, den Wettkampf abzubrechen. Im Kopf entstand bereits ein Epilog: Mein letzter Wettkampf und mein Abschied vom meinem geliebten x-bionic-Ladies-Triteam. Den Lauf wollte ich zumindest beenden, um meine Würde zu bewahren.

 

 

 

Kennt ihr das? Es beginnt mit einer winzigen Frage und führt zu Fluten von Überlegungen. Antworten bieten sich leider spontan und unerschöpflich an. Schlechte Laufstrategie. Mit den Gedanken beim familiären Umbruch und nicht beim Sport. Als 48jährige zu wenig Winter-Kraft-Training eingebaut. Leider bietet sich nichts im Aussen an, das es zu „fetzen“ gäbe. Die Wirkung der Sponser-Gels ist knallig, die x-Bionic-Sportsachen sind tadellos, die Mizuno-Laufschuhe könnte ich zum Schlafen tragen…

 

Einige Tage später entschied ich mich, dass ich vorläufig keinen Wettkampf mache. Die geplante Lebensveränderung sollte mein symbolischer Jahresmarathon sein. (Nebenbemerkung: Es geht mir super dabei!)

 

Kneifen wollte ich Mitte Jahr beim Team-Anlass, dem Firmentriathlon nicht. Der Auftakt zu weiteren kleineren Herausforderungen für mich. Ich bin mir wie ein Schnupperlernende vorgekommen, die sich wieder an die gesamte Atmosphäre herantasten muss (und nicht sicher ist, ob sie es auch will). Emmenlauf. Paarzeitfahren. Brienzerseelauf. Gurtenclassic. Da bin ich also heute. Und doch an einem ganz, ganz anderen Ort. Bis zum GurtenClassic hatte ich den Eindruck, an den Wettkämpfen mit Blei-Gamaschen ausgestattet zu sein. Irgendwie schwere Beine und noch schwerer mein Gemüt. Ich verstand meine (Sport-) Welt nicht mehr.

 

 

 

Irgendeine Traurigkeit, eine Art Leere in mir, die ich nicht benennen konnte. Antworten in oben erwähnten Stil überzeugten mich nicht. Eine weitere war zudem, dass ich oft ein wenig „kränkelte“. Übertraining? Meine Herbstferienwoche verbrachte ich teilweise im Bett. Es hat mich überraschenderweise nicht einmal gestresst. Ich hatte Zeit, um zu schlafen, zu „sein“, mich zu erholen. Dabei erfuhr ich etwas für mich Nie-Dagewesenes. Klingt zwar doof, aber: ich war mir sicher, wieder gesund zu werden. Ich spürte meine grundsätzliche Gesundheit, die sich bald auch wieder im Aussen zeigen würde.

 

Bummmm!!! Plötzlich der auftauchende Quervergleich und meine erlösende Erkenntnis. Das ist es! „Kathrin du hast deinen inneren Goldklumpen, dein Lebenselixier abgemurkst.“

 

Bis anhin spürte ich stets himmelhochjauchzend: ich bin eine leidenschaftliche Läuferin. Dieses Empfinden begleitete mich selbst nach einigen „müden“ Trainings oder so.

 

Meine tiefe Gewissheit, eine leidenschaftliche Läuferin zu sein, war weg.

 

 

 

Dieses „Aha!“ weckte mich. Nie tauchte die Frage auf, wie ich zu einem neuen, anderen Lebenselixier komme. Nein, nein, nein, ich habe bereits eines und will es wieder zurückerobern!

 

Spontan und überzeugt meldete ich mich beim GurtenClassic an. Ich realisierte, dass ich meinen inneren Goldklumpen verloren habe, weil ich viel zu stark mit irgendwelchen Massstäben der sportlichen Aussenwelt beschäftigt war. Ich glaubte, nun plötzlich bei einem Wettkampf eine bestimmte Zeit laufen zu müssen. Oder mich mit Sprints herauszufordern, um auch während dem sich nähernden Klimakterium noch vor dem Besenwagen ins Ziel zu kommen. Oder mich über den Firmentriathlon freuen zu müssen (über die Begegnung mit den Team-Ladies natürlich schon! Den Anlass finde ich harzig, denn ich werd‘ unweigerlich klaustrophobisch unter so vielen Menschen und Sportartikelständen).

 

Wettkämpfe will ich machen, weil ich während diesen Tagen bewusstseinsklar wie selten bin und sich im Wettkampfgeschehen Lebensthemen und Empfindungen vom Feinsten verdichten.

 

Mein GurtenClassic-Ziel: Ich bin achtsam bei mir und bleibe mir treu.

 

 

 

Am Tag x fühle ich mich gut. Mändu, mein Partner und ich dribbeln durch die Stadt zum Startareal, um unsere Nummern abzuholen. Ich bin nervös, was ich von mir bereits kenne.

 

Dann geht heute ein zweites Mal die Sonne auf. Carmen und Daniel sind ebenfalls daran, sich ihre Nummern umzubinden. Wir lernten sie beim Brienzerseelauf vor drei Wochen kennen und sie waren uns auf Anhieb sympathisch. Jetzt bin ich froh, dass Mändu und ich viel Zeit eingeplant haben. So können wir zu viert miteinander schwatzen und uns vertrauter werden. Jesses, Carmen und Daniel sind dermassen sportbegeistert, dass zwischen Brienzerseelauf und GurtenClassic auch der Marathon in Luzern sein Plätzchen kriegte.

 

Mändu und ich machten dieses Jahr zwei Wettkämpfe gemeinsam. Daher erwähne ich meine Bedürfnisse und meine Ziele ihm gegenüber. „Heute starte ich langsam und ich werde bloss Augen für mich haben!“ Vor dem Startschuss suche ich mir entsprechend ‚meinen’ Platz. Ich konzentriere mich auf meinen Atem. Auf das Ausatmen betont fester, um ruhiger zu werden… Und los geht’s. Ich nehme fast nichts und niemanden wahr. Achte auf meinen Körper, auf den Weg vor mir. Prima. Ich fühle mich gut. Mit jedem Schritt besser und gelöster. So nahe bei mir zu bleiben, fühlt sich besser denn je an. Ich bin in mir angekommen. Das löst Freude und eine immense Dankbarkeit in mir aus. Ich rede mir zu, meinen Lebenszaubertrunk noch stärker heraus zu kitzeln. Beim ersten von zwei Anstiegen muss ich lachen. Wahrlich bin ich mir treu: ich bin einen Teil der Strecke vorgängig abgelaufen, weil ich als Orientierungsinvalidin eh Schiess habe, den Weg nicht zu finden. Es stellt sich heraus, dass ich beim Rekognoszieren in bekannter Manier einen anderen Weg gewählt habe. Natürlich den kürzeren, flacheren ;-)

 

Im Gurtentäli dann mein Heigh-Feeling. Wow – geschafft!

 

Ich kann wieder auf mich, meinen Körper, mein Herz hören. Hey, es ist unglaublich: So widersprüchlich es klingen mag: In dem Moment, in dem ich voll und ganz Eins mit mir selber bin, verschmelze ich mit der Umgebung und der Welt schlechthin. Ich habe das Gefühl, mit der Herbstsonne, den farbigen Laubbäumen, den sich sanft dahinziehenden „Matten“ des Gurtentälis verbunden zu sein. Mändu läuft direkt hinter mir und ich fühle mich mit ihm und anderen Athleten auf schöne Art und Weise vereint. Ohlala, das gibt Energie! Ich weiss, dass ich es schaffen werde. Nicht bloss den Zieleinlauf. Ich spür mein Lebenselixier wieder und das macht mich glücklich. Nicht bloss ich bin mir treu, auch Mändu. Er bleibt aufmerksam in meiner Nähe und passt sich mir und meinem Rhythmus an.

 

 

 

Etwa 4 km vor dem Ziel steht unser Freund Daniel vor uns. Unglaublich: Flink wie ein Wiesel (aber grösser) setzt er zu einem Sprint an, um uns frontal fotografieren zu können. Nun läuft er locker neben uns her und lacht uns sein motivierendes „Hejaho“ zu, um anschliessend erneut los zu spurten für ein weiteres Knipsen von vorne. Echt – baut er sich in einem Wettkampf gar sein persönliches Intervalltraining ein!?! Daniel ist definitiv ultrafit. Bei Mändu dasselbe in Grün. Beim letzten Stutz phantasiert er fragend, dass Daniel vielleicht bereits im Ziel war und nun zu seiner Freundin Carmen und uns zurückgekehrt sein könnte…? Naja, beim Grundlagen-Training schauen wir zuweilen darauf, miteinander sprechen zu können. Eigentlich wäre Wettkampftempo angesagt. Für mich stimmt meine Geschwindigkeit. Die Antwort auf Mändus Frage muss warten, reden kann und mag ich nicht. Daniel traue ich durchaus zu, dass er das Ziel bereits begrüsst hat. Auf dem Gurten angekommen, geniesse ich jeden Schritt. Kein Endspurt. Ich will meine neu erworbene Wettkampf-Freude geniessen. Uuuh – ich bin beim Zieleinlauf die menschgewordene Freude. Gewonnen. Wiedergewonnen! Meine Freude, meinen inneren Goldklumpen.

 

Carmen und Daniel kommen unmittelbar nach uns ins Ziel. Wir hätten gemeinsam finishen können. Was nicht ist, kann ja ein anderes Mal werden. Carmen ist strahlend schön. Es ist ihr keineswegs anzusehen, dass sie eben 15km gelaufen ist. Eher, dass sie bereits wieder mit den nächsten 15 km liebäugelt. Zudem ist sie völlig präsent und wach und scheint die ganze Stimmung tief in sich aufzunehmen und zu geniessen. Wir umarmen und gratulieren uns und von alleine beginnt es wieder mit uns zu plaudern. Göttlich.

 

Andreas Niedrig, ein begnadeter Triathlet, hat angesichts seiner Sucht-Vorgeschichte einmal sinngemäss gemeint: Heroin und Sport lösen beide enorme Glücksgefühle aus. Der Unterschied besteht darin, dass im Sport die High-Gefühle nachhaltig andauern.

 

 

 

Mit diesen Gefühlen darf ich also „überwintern“. Ich bin gespannt, wie sich meine wiedererworbene Trittsicherheit und mein Rhythmusgefühl im kommenden Jahr anfühlen. Hihihi, auch bei einem Triathlon. Den konnte ich dieses Jahr leider nicht angehen.

 

Vorher gibt es jedoch weitere Anlässe zur Freude. Yeah! Der Winter wird mir durch all die lässigen Team-Momente versüsst. Mitgliederversammlung, Trainingstage, einen Altjahr-Drink oder so… Frauen, ich freue mich rüüüüdig auf euch!

 

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Kommentare: 5
  • #1

    Katrin (Montag, 10 November 2014 18:22)

    Liebe Kathrin!
    Wieder mal super geschrieben! Ich konnte und kann sehr gut mitfühlen! und es freut mich seeeeehhr dass du die Freude wieder gefunden hast!
    liebe Grüsse
    Katrin

  • #2

    Chanti (Freitag, 21 November 2014 10:37)

    Schön gschribe!! Bis gli Froue

  • #3

    Ursi (Freitag, 21 November 2014 11:12)

    Än schöne Bricht - Bis gli!

  • #4

    Nicole (Samstag, 22 November 2014 11:12)

    Eifach guet Kathrin! Dini Ziilä ds läse fasziniere jedes Mal. Guets "überwintere" u bis nächst Dsischtig!

  • #5

    Thomas (Montag, 12 Januar 2015 20:59)

    Liebe Kathrin
    Danke, dass du mir gestattest, hier frei und frank ;-) zu sagen, was ich von deinem Bericht halte.
    Trotzdem schaffe ich es nicht, auch nur eine Zeile von dem zu schreiben, was mir beim Lesen des Artikels durch den Kopf geht. Ich finde es ein wenig befremdlich, dass du dies von mir wünschst.
    Wir machen es anders! Bei unserem nächsten Treffen erzähle ich dir gerne, was du und andere hier nicht lesen...