Erlebnisbericht Ironman Mallorca September 2014

Nach einer sehr unruhigen Nacht klingelt der Wecker um 5Uhr morgens. Es ist der 27. September 2014, einer der längsten Tage des Jahres steht bevor. Ein Tag, der sehr viel von mir abverlangen wird, dem bin ich mir bewusst. Und schon zu Beginn eine Herausforderung, ein Non-Wetsuit-Swim. Mit dieser Hiobsbotschaft habe ich schon gerechnet, als wir unseren ersten Schwumm im Meer vor einer Woche genossen. Dick eingepackt, um ja nicht schon vor dem Start kalt zu haben, lassen Susanne und ich uns an den Start chauffieren. Port d`Alcudia liegt noch im Dunkel der Nacht als wir die Wechselzone erreichen. Noch einmal Bike-Check, x-fach durchgespielt und dann geht’s ab ins Startgelände. Die Bucht mit den Palmen und dem flach abfallenden Sandstrand erinnert mich an Kona, die Lufttemperatur jedoch gute 8° kälter. Das Meer ist ruhig, der Himmel kaum wolkenbehangen, Spannung liegt in der Luft. Aufs Einschwimmen verzichte ich, nachdem eine Kollegin von mir schlotternd aus dem Wasser steigt. So etwas möchte ich mir nicht antun; ich werde noch lange genug im knapp 25°C warmen Wasser schwimmen müssen.

Dann der Lautsprecher: „You are under the order of the race director now“. Kurz darauf der Startschuss und das Zurufen des Speakers: „Ladies and Gentlemen, you are racing now!“. Rund 2500 Agegroupe-Athleten stürzen sich ins Meer, 5min nach den Pros. Ich versuche mich im Gedränge einigermassen zu orientieren, bei einem Engpass in der Nähe des Hafens gibt es einen Stau. Aengstliche Gesichter, wo ich hinschaue, vielen Athleten ist eine Panik ins Gesicht geschrieben. Ich versuche Ruhe zu bewahren, denn ohne Neoprenhaut fühlt man sich schon etwas nackt. Aber an meinem letzten Ironman vor 2 Jahren auf Hawaii habe ich dies schliesslich auch überlebt, wenn auch bei etwas wärmerer Wassertemperatur. Schnell finde ich meinen Rhythmus wieder, komme in den Flow. Auf einmal dann ein brennender Schmerz am Hals, vermutlich eine Qualle. Na toll, hoffentlich hat`s nicht mehr von diesen Viechern. Meine Bedenken sind unbegründet. Nach 1h13min entsteige ich dem Wasser, Susanne Bucher knapp vor mir.

 

Lustig, bereits am Seelandtriathlon vor 2 Wochen sind wir praktisch gleichzeitig aus dem Wasser gestiegen. Und kaum zu Glauben, neue persönliche Bestzeit und das ohne Neopren. Trotzdem bin ich mir bewusst, dass die Schwimmzeit höchstens Mittelmass ist. Das Rennen ist noch lang, trotzdem ist es höchste Zeit die Aufholjagd zu starten, wenn ich mir ein Hawaii-Ticket holen will. Leicht fröstelnd steige ich aufs Velo, ausgestattet mit Aermlingen und Gilet. Aber bereits im ersten Anstieg nach Artà kriege ich erste Hitzewallungen, das Gilet muss weg. Ich verstaue es in meinem Tri- Top, was später auf den Fotos wie ein überdimensionierter Silikonbusen aussehen wird. Mit kräftigem Pedaldruck mache ich Rang um Rang gut, jetzt hat mein Rennen begonnen. Wir fahren eng aufeinander, das Feld zieht sich kaum auseinander und ich bemühe mich ausserhalb des Windschattens zu bleiben. Ich kassiere eine Verwarnung, weil ich zu weit links fahre, zum Glück keine gelbe Karte. Dann überholt mich Brigitte, eine Freundin von mir. Von nun an liefern wir uns ein „Katz und Maus Spiel“, überholen uns gegenseitig immer wieder. So wird es nicht langweilig und man hat zwischendurch etwas zu quatschen. Die Landschaft ist sehr abwechslungsreich, wir fahren durch kleine Dörfer, Olivenplantagen entlang und durch spektakuläre Felslandschaften auf dem Weg zum Kloster Lluc. Aber schon bald wird mir klar, dass ich keine persönliche Bestzeit auf der Ironman-Radstrecke aufstellen werde. Zu coupiert ist die Strecke und die Abfahrten sind technisch zu anspruchsvoll, um dort Tempo machen zu können. Zudem herrscht auf 2/3 der Strecke zügiger Gegenwind. Nach 6h Rad komme ich in die Wechselzone, 20min länger als damals am Ironman Nizza, der 1000 Höhenmeter mehr aufweist.

 

Der zweite Wechsel geht schnell, die 500m lange Wechselzone sorgt aber auch hier nicht gerade für einen schnellen Transit. Laufend gilt es nun 4.5 Runden durch Alcudia und am Strand entlang zurückzulegen. Anfänglich lief`s ganz flott. Ein Aufsteller war auch mein ehemaliger Coach Ute Mückel, die mich am Streckenrand tatkräftig anfeuerte mit „sieht locker aus, mach weiter so“ .

Meine Sorge war die Verpflegung, mit der ich je länger, desto schlechter zurecht kam. Feste Nahrung konnte ich schon lange nicht mehr zu mir nehmen, nun brachte ich auch keine Gels mehr runter, mir wurde leicht übel. Ich hatte Vertrauen in mein seriös durchgeführtes Carboloading an den Tagen zuvor und so ernährte ich mich hautpsächlich von Cola. Leider hatte ich meine Salztabletten unterwegs verloren und so musste ich zwischendurch einen Becher Isotonisches trinken, um meinen Elektrolytverlust aufgrund der relativ hohen Temperaturen (28°C) auszugleichen. Bei jedem Schluck kam mir etwas Magensäure hoch. Ab Km 30 wurden meine Beine merklich schwerer. Keine Ueberraschung für mich, meine Longjogs in der Vorbereitungsphase beschränkten sich auf maximal 2h. Meine Muskulatur war etwas überfordert ob der ungewöhnlich langen und intensiven Beanspruchung. Der 4:30min/km Schnitt ging über in einen 5er und am Schluss noch 5:30min/km Schnitt. Die letzte Runde war erwartungsgemäss eine Qual, die Zuschauer nahm ich nur noch benebelt war.

 

Die Finish-Line war das Highlight des Tages, Pokerface aufsetzen und die Ambience geniessen flüsterte ich mir ins Ohr. Nach 11h02 überquerte ich erschöpft, aber überglücklich die Ziellinie. Nach fast 10 Monaten Vorbereitungszeit und genau 10 Jahre nach meiner Premiere wieder einmal einen Ironman gefinisht, immer wieder ein eindrückliches Erlebnis. Unterwegs habe ich mir oft gefragt, weshalb ich mir das antue, aber im Ziel ist alles vergessen. Auch wenn es dieses Mal aufgrund der überaus starken Konkurrenz nicht für einen Hawaii-Slot gereicht hat, meine Ziele für nächstes Jahr sind gesetzt.

 

Ich möchte an dieser Stelle den Sponsoren des X-Bionic Ladies Tri Team nochmals danken, allen voran X-Bionic, Sponser und 2XU. Nicht zuletzt verdanke ich es auch diesen Produkten, dass ich mich optimal auf meine Wettkämpfe vorbereiten konnte und meine Ziele verwirklichen konnte (unter anderem 3. Rang XTerra Schweizermeisterschaft und 4. Rang Ironman 70.3 EM mit WM-Qualifikation für 2015).

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Kommentare: 4
  • #1

    petra (Mittwoch, 08 Oktober 2014 12:32)

    spannender bericht, danke :-)

  • #2

    Kathrin (Donnerstag, 16 Oktober 2014 15:59)

    Liebe Alex
    Herzliche Gratulationen zu Deinem Finish! Es "tschudderet" mich beim Lesen Deines Berichtes. Vielseitig und vielschichtig, mit viel Herz und - glaube ich - ohne Pokerface. Deine offene, selbstehrliche und authentische Art gefällt mir sehr. Ich drücke Dir für Deine Zielausrichtung den Daumen und hoffe, Du wirst erneut einmal in Hawaii Deine Stärken zeigen können :-)

  • #3

    Nicole (Donnerstag, 06 November 2014 13:37)

    VIELEN DANK, Alex für den interessanten Bericht! Es ist immer wieder schön zu hören und zu lesen, was an einem Rennen so alles "intern" abgeht. Emotionen pur! Der Hawaii-Slot kommt, da bin ich sicher :-). Schönä Herbst, bis gli!

  • #4

    Angelika Fanai-Nimmesgern (Montag, 29 August 2016 09:10)

    Hallo, danke für den tollen Bericht. Mich würde interessieren, wie du es geschafft hast, trotz der 1000 Hm mehr (stimmt das denn wirklich? Mallorca hat 1600, dann müssten es ja 2600 in Nizza sein) schneller als in Nizza zu sein. Hast du dich da anders vorbereitet?
    Glückwunsch zu der tollen Leistung!
    Liebe Grüße, Angelika