w.Fyne Nature Marathon (Yverdon-Neuchâtel)

Bereits umgezogen und mental bereit loszulegen, suche ich in Yverdon den Start auf. Weitere Athleten sind unterwegs und verbreiten eine angenehme Wettkampfstimmung. Auch sie scheinen nach den entsprechenden Hinweisen zum Startbogen Ausschau zu halten. Ich versuche mich trotz meiner zusätzlichen Aufregung zu konzentrieren und zu orientieren. Nirgendwo ist ein Wegweiser, eine Angabe betreffend Besammlungsort, bzw. das vertraute Startbild zu entdecken, was mich zusehends unruhig werden lässt. Ich hoffe, dass ich in der knapp verbleibenden Zeit fündig werde…Ich erwache nach einem meiner üblichen Vorwettkampfs-Träume. Entweder finde ich darin jeweils den Start nicht oder ich stelle fest, die Laufschuhe zu Hause vergessen zu haben.

Als Morgenmensch bin ich rasch wach und rutsche sogleich in die Alltags-Wirklichkeit zurück. Es ist Sonntag, der 23.Juni 2013, beste Wetterverhältnisse (trocken und etwa 20°C) präsentieren sich, x-bionic- Laufbekleidung inkl. Radtrikot (mit den praktischen Rückentaschen für die Sponsor-Gels) und meine Mizuno-Schuhe stehen zum Anziehen bereit und ich bin mir gewiss: alles was ich vorbereiten konnte, ist verlässlich da. Der Traum gibt mir einmal mehr die wohlige Bestätigung, dass ich startklar bin. Dazu gehört für mich nebst der sorgfältigen Vorbereitung, mich in „gesunder“ Weise angespannt und wachsam zu fühlen in Bezug auf das, was sich bei einer Marathon-Herausforderung nicht vorausschauen lässt.

Was ich heute besonders schätze: Mändu, mein Partner begleitet mich und unterstützt mich sowohl emotional als auch konkret (Aufwärm-Massage, Anfeuerungszurufe…)

 

Ich bin neugierig, wie ich die Strecke erleben werde. Nach einer selbstauferlegten kargen Lauf-Woche (fühlt sich sadistisch an und wird als Tapering bezeichnet) freue ich mich extrem, endlich wieder einmal ziehen zu dürfen. Den Yverdon-Neuchâtel-Marathon habe ich aus verschiedenen Gründen ausgewählt:

- Der Parcours verläuft durch Naturschutzgebiete (Fyne Nature), müsste demnach landschaftlich wunderschön sein und nebst Läufern erst noch diverse Tiere anlocken.

- Die Strecke ist flach und motiviert mich, nach den letztjährigen Bergläufen abzutasten, wie rassig ich einen „Strassen“-Marathon hinkriege.

- Die Ausschreibung lässt einen familiären Anlass erahnen.

Mit den Vorinformationen habe ich vom Veranstalter bereits die Start-Nummer inklusive Taschen-Markierungszettel per Post erhalten, denn nach Bedarf werden Gepäckstücke von Yverdon nach Neuchâtel transportiert. Auch ansonsten ist das „respecter la nature“ kein pro forma link der homepage, sondern wird als Haltung gelebt.

 

Das Stadion in Yverdon inklusive Startbogen findet sich leicht. Dort ist die Stimmung gelöst und nach einem kurzen Aufwärmen ist es endlich soweit, dass die Gruppe vom Karten-Studieren, den Toiletten, Wasserhähnen, etc. zum Start pilgert. Etwa 150 Personen? Gerade mal so viele, dass ich nahezu verführt werde, allen die Hand zu schütteln und ihnen ein „bonne chance!“ mitzugeben.

Es sind ungefähr 120 angemeldete Marathonläuferinnen und Läufer, ebenso viele Staffelläufer (die Strecke kann als Trio-Staffel 14/16/12.2 km gelaufen werden) und etwa 50 Walkende (letzte Teilstrecke). Anstelle eines Startschusses countdownen Organisator und Zuschauende die letzten 10‘.Hejaho  mein Herz hüpft vor Freude und ich geniesse es, mit der Gruppe mitzuziehen.

Ich nehme es vorweg: Die Strecke ist ein Schmuckstück vom Feinsten. Ein Naturparadies sondergleichen, das dutzende von Büchern zum esoterischen Thema „Kraftorte der Schweiz“ füllen täte. Meist führt der Marathon direkt am Ufer entlang. Blick auf den blau-grün spiegelnden Neuenburgersee, auf Wasservögel, Schilfgürtel, ins Wasser hängende Trauerweiden, Segelboote…kurze Passagen durch Camping-Plätze mit like-a-bike fahrenden Knirpsen, wo die See-Düfte von Grilladen-Gerüchen abgelöst werden und sobald die See-Nähe verlassen wird, taucht auf der anderen Seite die Weite von Rebbergen mit lieblich anmutenden Winzerhäuschen auf. Prächtig! Was das Organisationsteam punkto Streckenführung nicht erwähnt, schätze ich (und meine Füsse) besonders: Der Untergrund ist äusserst abwechslungsreich. Es gibt Asphaltabschnitte, daneben einige wurzlige Waldserpentinen, Kieswege, grasiges Terrain und Pavé-Promenaden.

 

Die Verpflegungs- und/oder Staffelwechsel-Posten sind grosszügig angelegt und mit leckeren Sponsor-Produkten bestückt, die von engagierten, aufmunternden und warmherzigen Personen offeriert werden.

 

Nicht zu vergessen und in Anbetracht meines Traumes ist die sorgfältige Wegmarkierung. Blaue Pfeile auf dem Boden, lila-Bänder an den Bäumen und an den heiklen Verzweigungen warmherzige Personen, die die Richtung weisen. Perfekt.

Tja…Alles stimmt. Und bei mir? Es läuft mir wunderbar. Rasch finde ich meinen eigenen Rhythmus und lasse mich kaum durch die Mitlaufenden beeinflussen. Wobei dieser Einfluss ausnahmslos ein sehr sportlicher ist. Fais-tu le marathon? Oui… T’as l’allure, bravo et bonne course! Selten habe ich so viele nette Worte von den Laufenden erhalten. Vielleicht ist es naheliegend, weil ich mindestens die Hälfte der Zeit für mich alleine unterwegs war. Wenn eine Begegnung stattfindet, liegt das gegenseitige Motivieren auf der Hand.

 

Ich bin zudem von Mändu mega verwöhnt worden, der mindestens 5x einen Auto- oder Rad-Stopp für mich eingelegt hat um mich aufzustellen und mir nebst einem aufgerissenen Gel insbesondere Kohlenhydrate für die Seele zu geben. Danke!

 

Wirkliche Tiefs hatte ich erstaunlicherweise nicht, was zusätzliche Kräfte mobilisiert hat. Einmal ist es aufgrund des Windes gleichwohl zu einer Orientierungs-Verunsicherung gekommen. Über einen relativ langen Abschnitt habe ich keine Markierung mehr gesehen. Ich breche mein eisernes Gebot (immer vorwärts zu schauen denn: Es gibt nur einen Weg und der liegt vor Dir!) und schaue zurück, ob ich eventuell eine Läuferin oder einen Läufer nachkommen sehe. Ein Staffelläufer kommt und deutet die Richtung: J’habite là-bas! Ich beginne innerlich zu grinsen und hoffe, meine Interpretation stimmt und er mache diese Bemerkung, um mir zu signalisieren, dass er sich hier auskenne und nicht etwa, um mich zu sich nach Hause zu einem ballon blanc de la région einzuladen…

 

Ich finde erleichtert wieder auf die Originalstrecke zurück. Erneut muss und darf ich einen weiteren Läufer zum zweiten Mal überholen. Erinnert mich an das Märchen mit dem Igel und dem Hasen, die um die Wette laufen. Leider bin ich der Hase. Freund Igel überlässt mir jedoch mit einer offenherzigen Geste den Vortritt.

 

So um die 35 km herum kann ich schlecht einschätzen, wieweit es noch sein wird. Es gibt kaum km-Angaben auf der Strecke, was je nach Geschmack bemängelt werden könnte. Ich denke u.a. an „YU“ – was so viel bedeutet wie “laufen, ohne den Boden zu berühren“, fliegen, schweben. Gleichzeitig ist es eine Lebensphilosophie des Tao, nämlich alltägliche Verrichtungen fokussiert zu machen und so in eine Art flow zu gelangen. Ich konzentriere mich YU-mässig auf meinen Laufstil und kriege fast Tränen vor Rührung, weil mein Körper für mich perfekt und beschwerdefrei läuft… mir geht durch den Kopf, wie ich die letzte Woche vor dem heutigen Marathon auf Grund winziger 7 km hätte heulen können, weil mir nach einer deutlich grösseren Runde zumute war. Bewusst manipuliere ich mich und sage mir, dass ich nun bloss mickrige 7000 m spurten dürfe…Ich geniesse entsprechend den letzten Streckenabschnitt.

 

Fazit im Innen:

- ich bin überglücklich über mein wunderbares Lauferlebnis und fühle mich darin bestätigt, dass Laufen in der Natur ein wichtiges Lebenselixier ist.

- Dankbar fühle ich mich ebenfalls. Ich bin gesund und zwäg, das ist unbeschreiblich schön.

Fazit im Aussen:

- Persönliche Bestzeit

- 1. Platz bei den Frauen

- mit einer Zeit von 3:06:32 gar einen Frauen- Streckenrekord. Oooooh – ich komme mir vor, wie wenn eine Strasse nach mir benannt worden wäre. Cool! Kathrin

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Kommentare: 6
  • #1

    petra (Samstag, 29 Juni 2013 11:41)

    woooow, spannender bericht. macht mi grad "gluschtig".gratuliere dir zue dim hammerplatz, grandios!!!!!!!

  • #2

    bachmann (Samstag, 29 Juni 2013 23:23)

    gut ,schön und interessant geschriebe ,ganz Kathrin !

  • #3

    Katrin (Sonntag, 30 Juni 2013 11:23)

    Gratuliere ganz herzlich zum super Resultat!! bis bald am Gigathlon!

  • #4

    Nadine (Sonntag, 30 Juni 2013 22:12)

    Ganz härzlechi Gratulation. Du bisch eifach super!!!

  • #5

    Maya (Freitag, 04 Oktober 2013 14:05)

    Super Bericht und schöne Bilder von dir

  • #6

    Roland Vonlanthen (Sonntag, 20 Juli 2014 17:48)

    Bin zufällig auf Deinen Bericht gestoßen. Beeindruckend Deine sportlichen Leistungen und interessanten Berichte. Gedanken, Erinnerungen, Fragen ......
    Je t'embrasse
    R

    Vonlanthen55@gmail.com